Zur Zeit schießen die Sicherheitsgesetze wie Pilze aus dem Boden, immer neue Vorstöße der Mächtigen wollen uns vor jedem möglichen Unheil bewahren; unsere Kinder sind im Internet so sicher wie nie zuvor. Leider wird mit Gesetzen wie dem Patriot Act oder der BKA-Novelle immer auch in elementare Grundrechte eingegriffen. Einen Staat in dem die grundsätzlichen Menschenrechte außer Kraft sind beschreibt auch Eric Arthur Blair, besser bekannt unter seinem Pseudonym “George Orwell”, in seiner 1949 erschienenen Dystopie 1984.
Wir haben mit ihm über Parallelen zwischen Fiktion und Wirklichkeit gesprochen.
Blogschinken.de: Mr. Blair, vielen Dank, dass Sie sich zu diesem Gespräch bereiterklärt haben. Sie haben sich ja in letzter Zeit eher aus der öffentlichen Diskussion herausgehalten.
Eric Arthur Blair: Gerne. Man muss einem aufstrebenden Medium ja auch eine Chance geben.
Blogschinken.de: Sie beschreiben in ihrem Roman “1984″ eine totalitäre Gesellschaft in der jeder Mensch auf Schritt und Tritt von Kameras erfasst wird. Wie weit sind wir, Ihrer Meinung nach, von dieser Vision entfernt?
Blair: Nun, in meinem Buch wird nicht jeder Mensch überwacht. Die Maßnahmen beziehen sich größtenteils auf den Teil der Gesellschaft, den ich die “äußere Partei” genannt habe. Das ist aber auch der Tatsache geschuldet, dass eine flächendeckende Überwachung, über die Beschriebene hinaus, jede Vorstellungskraft sprengte. Heute haben wir die technischen Voraussetzungen, das, zumindest in einigen Bereichen, wie dem Internet, zu verwirklichen. Von der Situation im Buch sind wir glücklicherweise noch ein gutes Stück entfernt, wobei ich gewisse Parallelen nicht leugnen möchte.
Blogschinken.de: Welche wären das?
Blair: Sehen Sie, gerade in Großbritannien aber auch hier in Deutschland können Sie in großen Städten keinen Schritt mehr tun, ohne dabei von einer Videokamera erfasst zu werden. Dabei ist es gar nicht so entscheidend ob das Bildmaterial gespeichert wird, oder ob da jemand sitzt und zusieht. Entscheidend ist das Gefühl beobachtet zu werden. Das macht etwas mit Ihnen. Ob einem das nun bewusst ist oder nicht. Und im digitalen Bereich, der für viele Menschen schon zu einer Wirklichkeit geworden ist, in der sich ein großer Teil ihres Lebens abspielt, wird bereits alles daran gesetzt der Romanvorlage möglichst nah zu kommen. Denken Sie nur an die Vorratsdatenspeicherung.
Blogschinken.de: Winston Smith, der Protagonist, arbeitet im Wahrheitsministerium, in dem ständig die Zeitungsarchive der aktuellen Parteiwahrheit angepasst werden. In welcher Hinsicht könnte die dezentrale Struktur des WorldWideWeb diese Vision verhindern?
Blair: Das ist mit Sicherheit ein großer Vorteil, jedoch sehe ich mit Besorgnis die weltweiten Bemühungen um technische Möglichkeiten, zumindest den Zugang zu Information zu verhindern. Mit Sicherheit muss das Verbrechen auch in diesem Verbreitungskanal bekämpft werden, angesichts des hohen Guts der Informations- und Meinungsfreiheit darf aber die Entscheidung, was Recht ist und was nicht, auf keinen Fall einer Behörde oder einem Ministerium überlassen werden, sonst werden daraus ganz schnell kleine Wahrheitsministerien. Der US-amerikanische Vorstoß zur Netzneutralität ist daher sehr zu begrüßen, denn noch viel weniger als in den Händen der Regierung hat diese Kompetenz in der Hand von Unternehmen verloren.
Blogschinken.de: Angst und Hass sind starke Emotionen, derer sich die Partei im Buch bedient um das Volk gefügig zu machen. Gibt es hier Grund zu Bedenken, dass sich die Wirklichkeit der Fiktion annähert?
Blair: Das auf jeden Fall. Hier sehe ich die stärksten Tendenzen einer Annäherung. Angst ist, wie Sie richtig bemerkt haben, ein sehr gutes Mittel um Menschen dazu zu bringen etwas Bestimmtes zu tun oder nicht zu tun. Heute gibt es keine Weltmächte die sich feindlich gegenüberstehen, dafür gibt es die diffuse Bedrohung des internationalen Terrorismus. Statt Bomben, die immer wieder irgendwo einschlagen geistern die Bilder von den brennenden Zwillingstürmen durch die Medien. Und statt schwimmende Festungen zu bauen retten wir Banken und begründen damit die hohe Belastung für die Bürger. Und natürlich haben wir auch unsere Goldsteins in Gestalt von arabischen Terrorführern und Konzernmanagern. Noch schwärzen die Kinder ihre Eltern nicht an, aber das mulmige Gefühl, wenn ein paar arabisch aussehende Männer mit Ihnen den Flieger besteigen können Sie nicht leugnen. Und mit der Angst kommt auch der Hass.
Blogschinken.de: Aber noch schaut uns die Gedankenpolizei nicht durchs Schlafzimmerfenster.
Blair: Wenn Sie den falschen Umgang haben schon.
Blogschinken.de: Wie meinen Sie das?
Blair: Erst vorgestern sind in München zwei arabischstämmige Männer verhaftet worden, weil sie die falschen Leute kannten. Wenn das nicht dem Gedankenverbrechen schon sehr nahe kommt. [Anm. d. Red.: SpiegelOnline: Bayerische Polizei inhaftiert vorbeugend zwei Islamisten]
Blogschinken.de: Ein düsteres Bild, das Sie malen.
Blair: Leider. Ja.
Blogschinken.de: Vielen Dank für das Gespräch.
Blair: Gerne.
Eric Arthur Blair, der als George Orwell weltweiten Ruhm erlangte, starb am 21. Januar 1950 in London. Dieses Interview ist frei erfunden, und dient einem Vergleich zwischen Roman und Wirklichkeit. Sollte sich jemand durch diesen Text in seinem Andenken an diesen großen Schriftsteller gestört fühlen, soll derjenige mich das wissen lassen, und wir werden gemeinsam eine Lösung finden.